EU-Strafe für Google: Meine Einschätzung
Die Europäische Union verhängt Google eine Strafe aufgrund Verstößen gegen den Digital Markets Act (DMA) in Höhe von 890 Millionen Euro. In meinem LinkedIn-Feed freuen sich zahlreiche SEOs über diese EU-Strafe für Google. Ich bin geteilter Meinung. Warum und alle Hintergründe erfährst Du in diesem Artikel.
Das Wichtigste in Kürze
- Einige SEOs erhoffen sich aufgrund des Urteils eien Rückkehr zur klassischen Google-Suche
- Ich halte das für naiv und realitätsfern
- Vielmehr sehe ich ein sich stark verändertes User-Verhalten, das sich auch nicht mehr zurückdrehen lässt
Was ist passiert?
Die Nachricht hat ab dem 23. Juli 2026 durchaus für eine breite Aufmerksamkeit gesorgt: Die EU-Kommission verhängt eine Strafe von 890 Millionen Euro gegen Google. Der Vorwurf lautet, dass Google mit Diensten wie Shopping, Hotels, Verkehr oder auch Sportergebnissen ihre eigenen Produkte innerhalb der Suche gegenüber Drittanbietern bevorzugt. Dies verstößt gegen den Digital Markets Act (DMA).
Reaktionen in der SEO-Branche
Zumindest mein LinkedIn-Feed kannte nur eine Richtung: Hoffnung und Freude. Die, die Mitte 2026 immer noch nicht akzeptiert haben, dass sich die Suchwelt durch KI und LLMs ändert, freuen sich über die EU-Strafe für Google und hoffen, dass das Rad zurückgedreht wird. Alle anderen nehmen diese Meldung zur Kenntnis und äußern sich nicht weiter.
Warum freut man sich darüber? Naja, Freude ist vielleicht der falsche Begriff. Hoffnungsvolle Erwartung trifft es besser. Anbieter, die durch die genannten Google-Produkte vermeintlich benachteiligt wurden, kann ich verstehen. Allerdings ziehen einige einen Rückschluss auf weitere „Urteile“ hinsichtlich KI bzw. im Speziellen die AI Overviews.
Auswirkungen auf AI Overviews
Könnte das der Anfang vom Ende der AI Overviews sein? Muss Google seine KI-generierten Antworten künftig zurückfahren oder ändern? Kehrt die die Google-Suche wieder zu den klassischen zehn blauen Links zurück?
An diesem Punkt bin ich hin- und hergerissen: Ja, ich kann die Kritik an Google grundsätzlich verstehen und nachvollziehen. Die Entwicklungen der letzten Jahre kannten gefühlt nur eine Richtung.
Google beantwortet immer mehr Suchanfragen direkt auf der SERP. Lange vor den AI Overviews gab es Featured Snippets, Knowledge Graphs, Einbettungen von Wetterdaten, Sportergebnise und Google Shopping. User erhalten schon seit Jahren Antworten, ohne eine Website eines Drittanbieters besuchen zu müssen.
Allerdings sind die AI Overviews eine neue Dimension. Allein die Tatsache, dass wenn ich auf „Mehr anzeigen“ oder eine Rückfrage stelle, häufig die SERP verlasse und in den AI Mode geleitet werde.
Google nutzt Inhalte von Publishern, Unternehmen und Website-Betreibern, um ihre eigenen KI-generierten Antworten und Inhalte zu erstellen. Die genannten Online-Portale berichten über teilweise drastisch sinkenden Organic Traffic.
Google nutzt unsere Inhalte, beantwortet die Frage selbst und schickt uns immer weniger Besucher
Diese Diskussion ist daher legitim, denn viele Geschäftsmodelle basieren auf Sichtbarkeit und Reichweite, sehr häufig in einem erheblichen Maß über die organische Google-Suche.
Zurück zu „Bluelinks only“?
Ich halte die Hoffnung, dass die „alte“ Google-Suche zurückkehrt, realitätsfern. Was mich aktuell irritiert, sind weniger die regulatorischen Fragen als die Reaktion einiger SEO-Kollegen.
Manche feiern diese EU-Strafe für Google, als hätte die EU gerade den Reset-Knopf für die Google-Suche gedrückt. Als ob die AI Overveiws verschwinden werden (das war gar nicht Teil dieser Strafe), klassische SEO unverändert zurückkehrt und auch die User sich komplett rückbesinnen und wieder klassisch suchen. ChatGPT, Claude und Co. werden deswegen nicht verschwinden, selbst wenn Google Änderungen vornehmen müsste.
„Alles wie früher“ halte ich für naives Wunschdenken. Denn die eigentliche Veränderung kommt nicht aus Brüssel, sondern vom Verhalten der User. Millionen Menschen nutzen heute LLMs wie ChatGPT, Gemini, Claude und Co. Sie erleben jeden Tag, dass sie komplexe Fragen und Sachverhalte direkt beantwortet bekommen.
Diese Erwartungshaltung verschwindet nicht, nur weil Google regulatorischen Druck bekommt.
„Leben in der Lage“ auch für Google und SEO
Ihr kennt meinen häufig verwendeten Spruch „Leben in der Lage“. Genau so geht es Google und genau so muss es allen SEOs gehen. Selbst wenn Google morgen die AI Overviews abschalten müsste, wären KI-Antworten nicht verschwunden.
User haben seit bald vier Jahren gelernt, dass Suchmaschinen und KI-Systeme mehr können, als Links auszugeben. Die Frage die sich mir daher eher stellt, ist, wie kann ein fairer Wettbewerb aussehen, wenn LLMs Antworten generieren und nicht darf Google das überhaupt.
SEOs sollten sich nicht an der Vergangenheit festhalten. Das Akronym „GEO“ ist sicher auch nicht die Lösung, sondern es bedarf einem größeren Thema und das nenne ich digitale Sichtbarkeit oder auch Online-Sichtbarkeit an allen relevanten digitalen Touchpoints. Mehr dazu habe ich im Artikel Zukunft von SEO & GEO behandelt.
Vielleicht erklärt das auch, warum ich bei vielen Diskussionen ein ungutes Gefühl habe. Ein Teil der SEO-Branche kämpft nicht gegen Google, sondern gegen die harte Realität. Die Suche und die User verändern sich, ob mir das nun passt oder nicht. Entweder ich lebe damit und schaue, dass ich die Parameter, auf die ich Einfluss habe, verändere. Oder ich verdränge die Realität und werde irgendwann keine Rolle mehr spielen.
Menschen konsumieren heute anders und dieser Konsum wird sich Tag für Tag noch mehr verändern. Ich wiederhole mich: Vollen Fokus auf GEO halte ich für genauso wenig hilfreich wie das Festhalten an der Vergangenheit. Ich muss da sein, wo meine potenziellen Kunden sind.
Was bedeutet das für Unternehmen?
Aus meiner Sicht sollten Unternehmen nicht darauf warten, welche juristischen Konsequenzen diese EU-Strafe für Google langfristig haben wird. Wichtiger ist es, die eigene Sichtbarkeit ganzheitlich zu betrachten:
- Klassische SEO bleibt als Grundlage und für die klassische Suche, die immer noch ein Vielfaches so oft genutzt wird, wie LLMs, relevant
- Markeaufbau wird noch wichtiger
- Mentions und relevante Links auf Drittplattformen haben an Bedeutung gewonnen
- Influencer, Communities, Referenzen, Rezensionen und Expertenstimmen werden sichtbarer und wichtiger für EEAT
- Inhalte müssen für Menschen gemacht sein, jedoch technische Anforderungen erfüllen, damit sie Suchmaschinen und LLMs gerecht werden
Die Zukunft wird nicht Entweder-oder sein, sondern beides.
Fazit
Die EU-Strafe für Google wirft wichtige Fragen auf. Und ja, es ist richtig, die Macht von Plattformen kritisch zu hinterfragen. Aber ich wäre vorsichtig, daraus eine Rückkehr zur alten Suchwelt abzuleiten, zumal das gar nicht inhaltlicher Bestandteil dieses konkreten Urteils war.
Ich verstehe die Freude viele SEOs zumindest teilweise. Nach einigen Jahren mit teilweise stark sinkenden Klicks und der Dominanz der AI Overviews wirkt dieses Urteil wie ein Hoffnungsschimmer. Trotzdem glaube ich, dass sich der Nutzungswandel nicht mehr umkehren lässt. Ganz ehrlich? Da hätte ich als User auch keine Lust drauf!
Die User und deren Verhalten hat sich verändert. Und genau deshalb wird sich auch die Suche immer weiter verändern. Wer das akzeptiert, kann die Zukunft gestalten. Wer darauf wartet, dass alles wieder so wird wie früher, wird warscheinlich auf eine Welt hoffen, die nicht mehr zurückkehrt.
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Screenshots im Titelbild: Die Zeit, ZDF heute, Tagesschau, Google
